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Klarheit trotz Opulenz
Hausbesuch: Inneneinrichter Thomas Herrendorf liebt Möbel
mit Geschichte und mischt sie mit modernen Elementen
Von Carola V. Pompetzki
Ich brauche Ordnung». Es klingt entschuldigend. Die Wohnung
ist nicht nur aufgeräumt, sie wirkt auch noch geräumig.
Was irgendwie merkwürdig ist, denn schließlich steht überall
etwas herum, vom Mahagoni-Paddel fürs Boot bis zur riesigen,
mit Rosenblüten gefüllten Schale. Doch nein, mit «herumstehen» hat
dieses Arrangement nichts zu tun, alles ist wohlgesetzt, von
einem, der um die Wirkung der richtigen Platzierung weiß.
Thomas Herrendorf ist Inneneinrichter, einer der begehrtesten
der Stadt. Und während er von Diagonalen spricht, auf denen
er zum Beispiel Tische in den Raum stellt, «das vermittelt
ein Gefühl von Größe», beginnt das Handy
harmonisch zu singen. Er vereinbart einen Termin für die
Villa Kampffmeyer, die von den Borer-Fieldings bezogen wurde
und durch Herrendorfs Hilfe wohnlicher werden soll.
Er selbst wohnte früher («in meiner farbigen Phase»)
auch in einer Potsdamer Villa, «doch irgendwann wollte
ich zurück ins Leben».
Eine Zwischenlösung sollte sie sein, die Wohnung, die zum
Komplex Riehmers-Hofgarten (erbaut zwischen 1881 und 1899) gehört.
120 Quadratmeter, aufgeteilt in Wohn- und Schlafzimmer, Küche,
Bad und Balkon, das klang herrlich unkompliziert. «Außerdem
wollte ich nach Kreuzberg, um wieder Inspirationen zu bekommen»,
sagt der gebürtige und überzeugte West-Berliner, «hier
gibt es gewachsene Strukturen - Obsthändler, ein Kino, die
Gartenanlage, Restaurants, Bars, da muss ich nur vor die Tür
gehen, um das Leben zu sehen, zu riechen, zu schmecken. Das brauche
ich einfach. Und das alles spüre ich beispielsweise in Prenzlauer
Berg nicht.»
Aha. Der Mann braucht Ordnung, der Mann braucht Leben um sich
herum. Und Stress. Ein Blick zur Uhr, ein Termin jagt den nächsten.
Manchmal braucht er dann auch einen Schutzengel, wenn er mit
einem seiner Mopeds durch die Stadt eilt. «Ein besonders
guter Fahrer bin ich leider nicht. Ich gerate unterwegs schon
mal ins träumen», gesteht er. Was die Ordnung angeht,
so fällt der überfüllte Balkon ein wenig aus dem
Rahmen. Orangenbäume, Madeirablumen, ein Liebesbäumchen
- er ist vollgestopft mit Grünzeug. «Und wenns kalt
wird, muss ich vieles davon in die Gärtnerei schleppen lassen,
weil es nicht winterhart ist», klagt Herrendorf, der in
Potsdam noch Platz für einen Wintergarten hatte.
In der eigentlichen Wohnung ist nicht gleich zu sehen, wo Stauräume
zu finden sind. Im Wohnzimmer nur drei Regale, in denen Fachbücher,
Reiseführer, Birnenschnaps und Co. untergebracht sind. Aber
in Schlafzimmer und Küche bergen hohe Aluminiumschränke,
die in Kontrast zu der eher barocken Einrichtung stehen, alles,
was nicht dekorativ genug ist. Und hinter den üppigen Vorhängen
im Schlafzimmer verstecken sich noch ein paar Reisetaschen. Ums
Bett herum wehen weiße Batist-Vorhänge, ein Barock-Engel
winkt herüber. Lilien stehen auf dem in Marmor und Gold
gehaltenen Nachtisch. «Einige mögen das ja nicht,
aber für mich gehören Blumen auch ins Schlafzimmer.» Hier
deutet sich zart an, was im Wohnbereich und sogar im Bad nicht
zu übersehen ist: eine Vorliebe für Lüster, Lampen
mit Kristallgehänge, Kandelaber.
Das schwerste Prunkstück hängt dann auch nicht an der
Decke, «die würde das nicht tragen», sondern
an einer Spezialaufhängung. «Andere setzen sich abends
vor den Kamin, ich setze mich vor meinen Lüster»,
scherzt Herrendorf. Kaminfeeling hat er trotzdem, wenn auch nur
mit einem Mogel-Modell. «Hier ist zwar Holz drin, aber
die Flamme wird, wie in Amerika üblich, dahinter mit einer
Methanol-Lösung erzeugt», erklärt Herrendorf, «das
sieht gut aus, macht aber keinen Dreck.»
Ansonsten favorisiert er Möbel, die Geschichte haben und
die der Kosmopolit auf diversen Reisen zusammengetragen hat:
einen 3,80 Meter langen Holztisch, der auf der eingangs erwähnten
Diagonale in den Raum ragt. «Der stammt aus einer englischen
Gärtnerei, gefunden habe ich ihn in Amsterdam», sagt
der Sammler. Das rustikale Stück bekommt Gesellschaft von
acht Louis-XVI-Stühlen, marokkanischen Lampen, einem Kandelaber,
der aus dem eigenen Einrichtungsgeschäft stammt, jedenfalls
lässt der Euro-Aufkleber das vermuten.
«Aber Stil ist keine Sache des Geldes», philosophiert der Hausherr, «man
muss Mut haben, verschiedene Einflüsse unkompliziert zu kombinieren, oft
sind es nur Kleinigkeiten, die große Wirkung erzielen.» Ganz praktisch
verrät er ein paar Tricks: «Die Wände wirken vielleicht weiß,
sind aber in verschiedenen Grau-Schattierungen gestrichen, das ist weniger
hart und erzielt schöne Licht- und Schatteneffekte.» Ähnliches
gilt für die Seidentaft-Vorhänge: «Die sind in vier Abstufungen
in Nebel- und Stadtfarben gehalten.» Damit der Raum «schwebt»,
wie es Herrendorf ausdrückt, mussten die Scheuerleisten weg, auch Steckdosen
durften nicht zu sehen sein. Eine Schalttafel für die einzelnen Lichtquellen
hängt im Flur. «Die Beleuchtung ist ganz wichtig und muss immer
auf Augenhöhe sein, das ist angenehm und schmeichelt», findet er, «grelles
Licht ist das schlimmste, was man einem Gast antun kann.» Einen Gast
lädt Herrendorf allerdings nur selten ein. «Am liebsten sind mir
Runden von zehn bis 12 Gästen, die ich dann bekoche.» Nicht nur
eine Frage der Gesellschaft, sondern auch der Organisation, «ich würde
es nie schaffen, die alle einzeln zu beköstigen.» Und: «Zeit
habe ich ja auch nicht zu verschenken», spöttelt er, schließlich,
und das ist jetzt gar nicht ironisch gemeint, «versuche ich, intensiv,
aber nicht exzessiv zu leben.»
In seiner Zweizimmerwohnung gibt es kaum noch Entfaltungsmöglichkeiten,
deshalb sucht der Inneneinrichter schon ein neues Objekt der
Begierde: «Am liebsten ein Kreuzberger Loft, das muss auch
noch nicht bezugsfertig sein.»
Gestaltungs-Ideen dafür entwickelt Thomas Herrendorf vielleicht
in seinem Lieblingsstück, «einem deutschen Herrensessel
aus den 20er Jahren.» Ein Geschenk eines Freundes zu Weihnachten.
Auch wenn er hier gern liest, Zeitungsstapel türmen sich
garantiert nicht: «Ich hasse diese Sammelei, werfe lieber
gleich alles weg.» Der Mann weiß, was ihm gut tut: «Ich
brauche Zuhause Klarheit - trotz aller Opulenz.»
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