Berliner Morgenpost 14.09.2002

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Ressort Magazin aus der Morgenpost vom Samstag, 14 September 2002
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Klarheit trotz Opulenz


Hausbesuch: Inneneinrichter Thomas Herrendorf liebt Möbel mit Geschichte und mischt sie mit modernen Elementen

Von Carola V. Pompetzki

Ich brauche Ordnung». Es klingt entschuldigend. Die Wohnung ist nicht nur aufgeräumt, sie wirkt auch noch geräumig. Was irgendwie merkwürdig ist, denn schließlich steht überall etwas herum, vom Mahagoni-Paddel fürs Boot bis zur riesigen, mit Rosenblüten gefüllten Schale. Doch nein, mit «herumstehen» hat dieses Arrangement nichts zu tun, alles ist wohlgesetzt, von einem, der um die Wirkung der richtigen Platzierung weiß.
Thomas Herrendorf ist Inneneinrichter, einer der begehrtesten der Stadt. Und während er von Diagonalen spricht, auf denen er zum Beispiel Tische in den Raum stellt, «das vermittelt ein Gefühl von Größe», beginnt das Handy harmonisch zu singen. Er vereinbart einen Termin für die Villa Kampffmeyer, die von den Borer-Fieldings bezogen wurde und durch Herrendorfs Hilfe wohnlicher werden soll.
Er selbst wohnte früher («in meiner farbigen Phase») auch in einer Potsdamer Villa, «doch irgendwann wollte ich zurück ins Leben».
Eine Zwischenlösung sollte sie sein, die Wohnung, die zum Komplex Riehmers-Hofgarten (erbaut zwischen 1881 und 1899) gehört. 120 Quadratmeter, aufgeteilt in Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Bad und Balkon, das klang herrlich unkompliziert. «Außerdem wollte ich nach Kreuzberg, um wieder Inspirationen zu bekommen», sagt der gebürtige und überzeugte West-Berliner, «hier gibt es gewachsene Strukturen - Obsthändler, ein Kino, die Gartenanlage, Restaurants, Bars, da muss ich nur vor die Tür gehen, um das Leben zu sehen, zu riechen, zu schmecken. Das brauche ich einfach. Und das alles spüre ich beispielsweise in Prenzlauer Berg nicht.»
Aha. Der Mann braucht Ordnung, der Mann braucht Leben um sich herum. Und Stress. Ein Blick zur Uhr, ein Termin jagt den nächsten. Manchmal braucht er dann auch einen Schutzengel, wenn er mit einem seiner Mopeds durch die Stadt eilt. «Ein besonders guter Fahrer bin ich leider nicht. Ich gerate unterwegs schon mal ins träumen», gesteht er. Was die Ordnung angeht, so fällt der überfüllte Balkon ein wenig aus dem Rahmen. Orangenbäume, Madeirablumen, ein Liebesbäumchen - er ist vollgestopft mit Grünzeug. «Und wenns kalt wird, muss ich vieles davon in die Gärtnerei schleppen lassen, weil es nicht winterhart ist», klagt Herrendorf, der in Potsdam noch Platz für einen Wintergarten hatte.
In der eigentlichen Wohnung ist nicht gleich zu sehen, wo Stauräume zu finden sind. Im Wohnzimmer nur drei Regale, in denen Fachbücher, Reiseführer, Birnenschnaps und Co. untergebracht sind. Aber in Schlafzimmer und Küche bergen hohe Aluminiumschränke, die in Kontrast zu der eher barocken Einrichtung stehen, alles, was nicht dekorativ genug ist. Und hinter den üppigen Vorhängen im Schlafzimmer verstecken sich noch ein paar Reisetaschen. Ums Bett herum wehen weiße Batist-Vorhänge, ein Barock-Engel winkt herüber. Lilien stehen auf dem in Marmor und Gold gehaltenen Nachtisch. «Einige mögen das ja nicht, aber für mich gehören Blumen auch ins Schlafzimmer.» Hier deutet sich zart an, was im Wohnbereich und sogar im Bad nicht zu übersehen ist: eine Vorliebe für Lüster, Lampen mit Kristallgehänge, Kandelaber.
Das schwerste Prunkstück hängt dann auch nicht an der Decke, «die würde das nicht tragen», sondern an einer Spezialaufhängung. «Andere setzen sich abends vor den Kamin, ich setze mich vor meinen Lüster», scherzt Herrendorf. Kaminfeeling hat er trotzdem, wenn auch nur mit einem Mogel-Modell. «Hier ist zwar Holz drin, aber die Flamme wird, wie in Amerika üblich, dahinter mit einer Methanol-Lösung erzeugt», erklärt Herrendorf, «das sieht gut aus, macht aber keinen Dreck.»
Ansonsten favorisiert er Möbel, die Geschichte haben und die der Kosmopolit auf diversen Reisen zusammengetragen hat: einen 3,80 Meter langen Holztisch, der auf der eingangs erwähnten Diagonale in den Raum ragt. «Der stammt aus einer englischen Gärtnerei, gefunden habe ich ihn in Amsterdam», sagt der Sammler. Das rustikale Stück bekommt Gesellschaft von acht Louis-XVI-Stühlen, marokkanischen Lampen, einem Kandelaber, der aus dem eigenen Einrichtungsgeschäft stammt, jedenfalls lässt der Euro-Aufkleber das vermuten.
«Aber Stil ist keine Sache des Geldes», philosophiert der Hausherr, «man muss Mut haben, verschiedene Einflüsse unkompliziert zu kombinieren, oft sind es nur Kleinigkeiten, die große Wirkung erzielen.» Ganz praktisch verrät er ein paar Tricks: «Die Wände wirken vielleicht weiß, sind aber in verschiedenen Grau-Schattierungen gestrichen, das ist weniger hart und erzielt schöne Licht- und Schatteneffekte.» Ähnliches gilt für die Seidentaft-Vorhänge: «Die sind in vier Abstufungen in Nebel- und Stadtfarben gehalten.» Damit der Raum «schwebt», wie es Herrendorf ausdrückt, mussten die Scheuerleisten weg, auch Steckdosen durften nicht zu sehen sein. Eine Schalttafel für die einzelnen Lichtquellen hängt im Flur. «Die Beleuchtung ist ganz wichtig und muss immer auf Augenhöhe sein, das ist angenehm und schmeichelt», findet er, «grelles Licht ist das schlimmste, was man einem Gast antun kann.» Einen Gast lädt Herrendorf allerdings nur selten ein. «Am liebsten sind mir Runden von zehn bis 12 Gästen, die ich dann bekoche.» Nicht nur eine Frage der Gesellschaft, sondern auch der Organisation, «ich würde es nie schaffen, die alle einzeln zu beköstigen.» Und: «Zeit habe ich ja auch nicht zu verschenken», spöttelt er, schließlich, und das ist jetzt gar nicht ironisch gemeint, «versuche ich, intensiv, aber nicht exzessiv zu leben.»
In seiner Zweizimmerwohnung gibt es kaum noch Entfaltungsmöglichkeiten, deshalb sucht der Inneneinrichter schon ein neues Objekt der Begierde: «Am liebsten ein Kreuzberger Loft, das muss auch noch nicht bezugsfertig sein.»
Gestaltungs-Ideen dafür entwickelt Thomas Herrendorf vielleicht in seinem Lieblingsstück, «einem deutschen Herrensessel aus den 20er Jahren.» Ein Geschenk eines Freundes zu Weihnachten. Auch wenn er hier gern liest, Zeitungsstapel türmen sich garantiert nicht: «Ich hasse diese Sammelei, werfe lieber gleich alles weg.» Der Mann weiß, was ihm gut tut: «Ich brauche Zuhause Klarheit - trotz aller Opulenz.»
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