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Zwischen den Zeiten
20er-Jahre-Bilder, Louis-XVI.- und Plexiglasstühle. Wie
integriert man alte Einzelstücke in einem modernen Neubau?
Inneneinrichter Thomas Herrendorf gibt Tips
Von Christiane Meixner
Die meisten Menschen haben Angst vor ihren Möbeln. Sagt
Thomas Herrendorf, und als einer der renommiertesten Inneneinrichter
der Stadt muß er das wissen. Natürlich nicht vor einem
schwarzen Ledersessel von Corbusier oder dem legendären "Lounge-Chair " von
Charles Eames. Da weiß man, daß das Stück erlesen
und längst in den Kanon des guten Geschmacks aufgenommen
ist.
Wie aber verhält es sich mit der alten, geerbten Holzkommode
oder jenem opulenten Lüster, den man spontan auf dem Flohmarkt
gekauft und dann doch nie aufgehängt hat: Es könnte
ja jemand bei all dem Pomp an der ästhetischen Zurechnungsfähigkeit
seines Besitzers zweifeln. Herrendorf rät ab von solchen
Vorbehalten. Neue und zeitgemäße Möbel, vielleicht
sogar Designerstücke, mögen die eigenen Räume
aufwerten. Wohnlich aber werden sie erst dank individueller Details,
die man nicht aus dem Katalog bestellen kann.
"Kaufen kann jeder", meint der passionierte Sammler,
in dessen Wohnung sich Gemälde aus den 20er Jahren, dekorative
Säulen und antike Engel aus unterschiedlichen Materialien
tummeln. Einige der Schätze stammen tatsächlich von
Auktionen. Anderes ist ertrödelt und nicht zwingend wertvoll,
sondern schön und passend nach dem Verständnis von
Herrendorf, den die "gewachsene Patina" eines alten
Objekts ebenso fasziniert wie die Wirkung einer korallenfarbenen
Wand auf steingraue, getuffte Vorhänge und ein minimalistisches
Sideboard der italienischen Nobelmarke Cappellini.
Viele seiner Kombinationen von alt und neu, barock und sachlich
sind gewagt, doch nie unpassend. Wer von Herrendorf wissen möchte,
was gerade noch geht, ob und welche Farbe die Raumwände
haben sollen und man diverse Stile miteinander mischen kann,
den verblüfft er mit einem Satz: "Es gibt keine Regeln." Als
Beispiel zeigt er auf einen kleinen, goldsilbernen Rahmen neben
sich an der Wand: "Es heißt doch immer, verschiedene
Metallfarben vertragen sich nicht. Dieser Bilderrahmen ist ein
paar Jahrhunderte alt. Und was haben die Leute damals gemacht?
Sie haben beides verwendet."
Das wirkt in der Tat sehr reizvoll. Allerdings nimmt sich das
dunkle Motiv in den kunstvoll verzierten Leisten völlig
zurück, und so wird anhand dieser dekorativen Kleinigkeit
doch deutlich, daß es ein verbindliches Kriterium gibt:
Nur nicht übertreiben.
Herrendorfs eigene Wohnung mitten in Kreuzberg hält die
Balance mühelos. Es ist ein Neubau mit relativ niedriger
Decke, den er mit schlichten Stuckleisten versehen hat. Dazu
modernste Sessel zum Schaukeln, schlichtgraue Sofas und Spiegel
an jenen Wänden, wo die Zimmer etwas zu schmal geraten sind. Üppig
wird es dank der sorgsam drapierten Objekte, von denen einige
doppelt vorhanden und manche Raritäten sind.
So die Kaminuhr aus Belle-Epoque-Zeiten, die zwischen zwei glatten
Gefäßen aus orangefarbenem Muranoglas steht. Ein großes
Gemälde des späten Impressionisten Joseph Oppenheimer
hängt über dem modernen Regal mit schwarzbrauner Holzmaserung.
Die Bücher darauf sind allerdings nicht streng gereiht,
sondern zu lockeren Blöcken gruppiert. Auch das gehört
für Herrendorf zu einer guten Einrichtung: Daß man
nicht alles perfekt arrangiert, sondern manches nur lässig
ordnet.
Das Konzept des Hausherrn offenbart sich im unaufdringlichen
Nebeneinander verschiedener Epochen. Vor dem Schlafzimmer, das
ganz auf klassisch glatte Holzoberflächen mit Silbergriffen
setzt, befindet sich das "Marokkozimmer" - ein Durchgangsraum
voller Souvenirs, deren buntes Nebeneinander auch ein Konzept
sein kann.
Völlig unkombinierbar scheinen dagegen erst einmal ein kantiger
Tisch aus viktorianischer Zeit, acht Stühle im verspielten
Louis XVI.-Stil und ebenso viele transparente Sitzmöbel,
die Herrendorf im Eßzimmer zusammengetragen hat. Doch dann
offenbart sich im Detail, wie im schönen Eßzimmer,
wie gut der unzählige Male lasierte und leicht versehrte
Tisch mit den kapriziösen Sitzgelegenheiten aus dem 18.
Jahrhundert harmoniert, und daß Phillippe Starck seine
durchsichtigen Plexiglasstühle deshalb "Louis Ghost" genannt
hat, weil sie die Konturen ihrer historischen Vorbilder zitieren.
"Es geht viel mehr zusammen, als man denkt", sagt Herrendorf.
Man muß es ausprobieren, ohne jedes Vorurteil wirken lassen
- und notfalls noch einmal umstellen. Er selbst fürchtet
sich nicht einmal vor dem pompösen Kristalleuchter. Bloß hat
Herrendorf ihn wie ein Kunstobjekt ins Stahlgestell gehängt,
weil die Decken im Neubau dafür natürlich viel zu tief
sind.
So einfach ist das also, wenn man in jenem Rhythmus bleibt, den
der erfahrene Einrichter vorgibt. Antike Möbel werden nicht
passend zusammengestellt, sondern locker zwischen das zeitgenössische
Interieur gestreut: Sonst sieht es schnell altmodisch aus. Reich
verzierte Kerzenleuchter stehen neben schlichten Vasen, damit
sich das Auge ausruhen kann und nicht von Eindrücken überhäuft
wird. Nur an manchen ausgesuchten Stellen erlaubt sich Herrendorf
gewagte Überschneidungen. Da hängt vor goldfarbener
Zimmerwand ein goldener Bilderrahmen. Auf der Kommode darunter
stehen zwei Figurengruppen aus bemaltem Porzellan, die er vor
kurzem als Meissen-Kopien erstanden hat. Daß sie doch echt
sind, ist die eine Überraschung. Die andere, wie gut alles
zusammenpaßt und erst dank kleiner Stilbrüche jenen
Charme entwickelt, den Herrendorf notwendig für "die
Seele einer Wohnung" findet.
Bücher Genevieve Weaver: "Wohnen mit Antiquitäten",
Busse + Seewald-Verlag, 176 S., 19,90 Euro.
Alan Powers: "Wohnen mit Bildern", Augustus-Verlag,
144 S., 39,90 Euro.
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