Berliner Morgenpost 14.02.2005

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Ressort Magazin aus der Morgenpost vom Samstag, 19 Februar 2005
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Zwischen den Zeiten


20er-Jahre-Bilder, Louis-XVI.- und Plexiglasstühle. Wie integriert man alte Einzelstücke in einem modernen Neubau? Inneneinrichter Thomas Herrendorf gibt Tips


Von Christiane Meixner


Die meisten Menschen haben Angst vor ihren Möbeln. Sagt Thomas Herrendorf, und als einer der renommiertesten Inneneinrichter der Stadt muß er das wissen. Natürlich nicht vor einem schwarzen Ledersessel von Corbusier oder dem legendären "Lounge-Chair " von Charles Eames. Da weiß man, daß das Stück erlesen und längst in den Kanon des guten Geschmacks aufgenommen ist.
Wie aber verhält es sich mit der alten, geerbten Holzkommode oder jenem opulenten Lüster, den man spontan auf dem Flohmarkt gekauft und dann doch nie aufgehängt hat: Es könnte ja jemand bei all dem Pomp an der ästhetischen Zurechnungsfähigkeit seines Besitzers zweifeln. Herrendorf rät ab von solchen Vorbehalten. Neue und zeitgemäße Möbel, vielleicht sogar Designerstücke, mögen die eigenen Räume aufwerten. Wohnlich aber werden sie erst dank individueller Details, die man nicht aus dem Katalog bestellen kann.
"Kaufen kann jeder", meint der passionierte Sammler, in dessen Wohnung sich Gemälde aus den 20er Jahren, dekorative Säulen und antike Engel aus unterschiedlichen Materialien tummeln. Einige der Schätze stammen tatsächlich von Auktionen. Anderes ist ertrödelt und nicht zwingend wertvoll, sondern schön und passend nach dem Verständnis von Herrendorf, den die "gewachsene Patina" eines alten Objekts ebenso fasziniert wie die Wirkung einer korallenfarbenen Wand auf steingraue, getuffte Vorhänge und ein minimalistisches Sideboard der italienischen Nobelmarke Cappellini.
Viele seiner Kombinationen von alt und neu, barock und sachlich sind gewagt, doch nie unpassend. Wer von Herrendorf wissen möchte, was gerade noch geht, ob und welche Farbe die Raumwände haben sollen und man diverse Stile miteinander mischen kann, den verblüfft er mit einem Satz: "Es gibt keine Regeln." Als Beispiel zeigt er auf einen kleinen, goldsilbernen Rahmen neben sich an der Wand: "Es heißt doch immer, verschiedene Metallfarben vertragen sich nicht. Dieser Bilderrahmen ist ein paar Jahrhunderte alt. Und was haben die Leute damals gemacht? Sie haben beides verwendet."
Das wirkt in der Tat sehr reizvoll. Allerdings nimmt sich das dunkle Motiv in den kunstvoll verzierten Leisten völlig zurück, und so wird anhand dieser dekorativen Kleinigkeit doch deutlich, daß es ein verbindliches Kriterium gibt: Nur nicht übertreiben.
Herrendorfs eigene Wohnung mitten in Kreuzberg hält die Balance mühelos. Es ist ein Neubau mit relativ niedriger Decke, den er mit schlichten Stuckleisten versehen hat. Dazu modernste Sessel zum Schaukeln, schlichtgraue Sofas und Spiegel an jenen Wänden, wo die Zimmer etwas zu schmal geraten sind. Üppig wird es dank der sorgsam drapierten Objekte, von denen einige doppelt vorhanden und manche Raritäten sind.
So die Kaminuhr aus Belle-Epoque-Zeiten, die zwischen zwei glatten Gefäßen aus orangefarbenem Muranoglas steht. Ein großes Gemälde des späten Impressionisten Joseph Oppenheimer hängt über dem modernen Regal mit schwarzbrauner Holzmaserung. Die Bücher darauf sind allerdings nicht streng gereiht, sondern zu lockeren Blöcken gruppiert. Auch das gehört für Herrendorf zu einer guten Einrichtung: Daß man nicht alles perfekt arrangiert, sondern manches nur lässig ordnet.
Das Konzept des Hausherrn offenbart sich im unaufdringlichen Nebeneinander verschiedener Epochen. Vor dem Schlafzimmer, das ganz auf klassisch glatte Holzoberflächen mit Silbergriffen setzt, befindet sich das "Marokkozimmer" - ein Durchgangsraum voller Souvenirs, deren buntes Nebeneinander auch ein Konzept sein kann.
Völlig unkombinierbar scheinen dagegen erst einmal ein kantiger Tisch aus viktorianischer Zeit, acht Stühle im verspielten Louis XVI.-Stil und ebenso viele transparente Sitzmöbel, die Herrendorf im Eßzimmer zusammengetragen hat. Doch dann offenbart sich im Detail, wie im schönen Eßzimmer, wie gut der unzählige Male lasierte und leicht versehrte Tisch mit den kapriziösen Sitzgelegenheiten aus dem 18. Jahrhundert harmoniert, und daß Phillippe Starck seine durchsichtigen Plexiglasstühle deshalb "Louis Ghost" genannt hat, weil sie die Konturen ihrer historischen Vorbilder zitieren.
"Es geht viel mehr zusammen, als man denkt", sagt Herrendorf. Man muß es ausprobieren, ohne jedes Vorurteil wirken lassen - und notfalls noch einmal umstellen. Er selbst fürchtet sich nicht einmal vor dem pompösen Kristalleuchter. Bloß hat Herrendorf ihn wie ein Kunstobjekt ins Stahlgestell gehängt, weil die Decken im Neubau dafür natürlich viel zu tief sind.
So einfach ist das also, wenn man in jenem Rhythmus bleibt, den der erfahrene Einrichter vorgibt. Antike Möbel werden nicht passend zusammengestellt, sondern locker zwischen das zeitgenössische Interieur gestreut: Sonst sieht es schnell altmodisch aus. Reich verzierte Kerzenleuchter stehen neben schlichten Vasen, damit sich das Auge ausruhen kann und nicht von Eindrücken überhäuft wird. Nur an manchen ausgesuchten Stellen erlaubt sich Herrendorf gewagte Überschneidungen. Da hängt vor goldfarbener Zimmerwand ein goldener Bilderrahmen. Auf der Kommode darunter stehen zwei Figurengruppen aus bemaltem Porzellan, die er vor kurzem als Meissen-Kopien erstanden hat. Daß sie doch echt sind, ist die eine Überraschung. Die andere, wie gut alles zusammenpaßt und erst dank kleiner Stilbrüche jenen Charme entwickelt, den Herrendorf notwendig für "die Seele einer Wohnung" findet.
Bücher Genevieve Weaver: "Wohnen mit Antiquitäten", Busse + Seewald-Verlag, 176 S., 19,90 Euro.
Alan Powers: "Wohnen mit Bildern", Augustus-Verlag, 144 S., 39,90 Euro.


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