Berlin Interiors – East meets West, MÜnchen 2001

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Piratenstil in Riehmers Hofgarten

Stressgeplagte Großstädter kennen ihn, besonders auch die Westberliner, als sich noch der typische „Inselkoller“ ankündigte: den Traum vom Häuschen im Grünen, mit eigenem Garten und Vogelgezwitscher. Doch irgendwo war immer die Mauer. Mit ihrem Fall konnte der Traum zur Wirklichkeit werden. Thomas Herrendorf hat ihn sich voll erfüllt: eine hochherrschaftliche Neunzimmervilla in Babelsberg, mit viel Platz für Freunde und Bekannte, die der gesellige Vierundvierzigjährige gerne übers Wochenende einlud, um sie in seiner geräumigen und perfekt ausgestatteten Küche mit mehrgängigen Menüs zu bekochen.

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„Doch irgendwann“, erzählt er, „wollte ich wieder zurück in die Stadt und das Pulsieren ihrer Adern spüren.“ Thomas Herrendorf liebt Gegensätze. Der wohl renommierteste Inneneinrichter der Stadt entschied sich ausgerechnet für Kreuzberg, „wegen der gewachsenen Struktur“. Man bot ihm eine Wohnung in der vierten Etage an – ohne Fahrstuhl -, in einem Altbau an der Yorckstraße. Herrendorf griff sofort zu, denn die Wohnung befindet sich im so genannten Riehmers Hofgarten. Dort ein Apartment zu ergattern, gleicht fast einem Sechser im Lotto!
Das Ensemble ist eine ausgesprochene architektonische und städtebauliche Besonderheit in Berlin. Der Baumeister Wilhelm August Ferdinand Riehmer hat das aufstrebende Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts durch zahlreiche Wohnbauten geprägt. Die Anlage zwischen der Yorck- und der Hagelberger Straße jedoch sollte sein Meisterwerk werden. Bis 1900 entstand dort eines der schönsten Bauensembles der Stadt, mit lichtdurchfluteten Höfen, guter Grundrissgestaltung und einem einzigartigen Fassadenschmuck. Mit einem enormen finanziellen Kraftakt ist es dem Berliner Senat gelungen, in den sechziger Jahren den Stuck der Anlage zu retten; bis in die achtziger Jahre hinein dauerte die Renovierung der Wohnungen.
Für Thomas Herrendorf also die ideale Adresse. Hier kultiviert er, Tür an Tür mit namhaften Künstlern und Galeristen, seinen „Piratenstil“, wie er es selbst nennt, ein Raubzug quer durch die Epochen und Kontinente. Die Kücheneinrichtung beispielsweise, die Herrendorf nach eigenem Entwurf aus Edelstahl anfertigen ließ, krönt ein feuervergoldeter Lüster aus der Wiener Belle Époche. Im Salon der 120 Quadratmeter großen Wohnung vereinen sich zwei Hussensofas, Säulen aus der indischen Kolonialzeit, ein afrikanischer Hocker und japanische Bronzevasen aus dem 19. Jahrhundert zu einem interessanten Stilmix. Die Laternen auf dem Tisch, der aus einer englischen Gärtnerei stammt, sind Mitbringsel aus Marokko. Wie auch vieles andere, denn Herrendorf reist gern und viel. Er bezeichnet sich zwar selbst als Kosmopolit, doch wann immer er kann, reist er nach Nordafrika. „Ich liebe Marrakesch“, schwärmt er, „wegen der Farbe und des Lichts.“ Dort in der Altstadt, in den Souks, lässt er sich von der Vielseitigkeit der Stile inspirieren. Und das könnte man auch als das Leitmotiv seines Einrichtungskonzepts betrachten. So scheut er sich beispielsweise nicht, in seinem Wohnzimmer eine Art Kamin mit elektrisch beleuchteten Holzscheiten zu simulieren – ein netter kleiner Scherz in der im Übrigen sehr erlesenen Ausstattung. „So etwas funktioniert, wenn man ein bisschen Einfühlungsvermögen hat und einen gewissen Mut zum Risiko mitbringt“, erklärt der Profi.
Thomas Herrendorf hat sich gut eingelebt in seinem Kreuzberger Kiez. „Alles, was man braucht, hat man direkt vor der Tür, anders als in Babelsberg“, sagt er. Und wenn Gäste kommen, wird improvisiert: Sie werden im Hotel untergebracht, das sich direkt im Haus befindet. Und zum Abendessen organisiert er einen kulinarischen Streifzug durch die zahlreichen Restaurants in der Nachbarschaft: „Jeder Gang unseres Menüs wird woanders eingenommen. So weiß man nie, wie und wo der Abend endet. Und das ist viel spannender als in Babelsberg.“
  Daumann, Judith / Philippin, Susanne: Berlin Interiors – East meets West, München 2001.
Fotos: Wini Sulzbach, Berlin.