Berliner Residenzen, 2002

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Schweizer ZentralitÄt

Viele Jahrzehnte war die Schweizer Gesandtschaft das einzige Haus im nach Krieg und Mauerbau verwaisten Spreebogen. Nach Wiedervereinigung und Hauptstadtbeschluss wurden drei weitere Bauten in der Nachbarschaft errichtet: ein Kindergarten, ein Bürogebäude für Parlamentarier und das Bundeskanzleramt. Man darf zu Recht behaupten, dass hier das Herz der Berliner Republik schlägt. Die Schweizer Gesandtschaft wurde mit einem Anbau versehen und präsentiert sich seitdem als eine Art „gallisches Dorf“ inmitten der bundesdeutschen Machtzentrale. Niemand hatte ernsthaft daran geglaubt, dass die diplomatische Vertretung der Schweiz einmal an einem solch prominenten Ort zu finden sein würde. Denn der Schweizer Botschafter ist neben dem Bundeskanzler der einzige offizielle Bewohner im Spreebogen. Wohl bemerkt: Die Schweizer waren zuerst da.
Dabei hatten die Schweizer eigentlich nur Glück, als 1993 der internationale Wettbewerb für die Bebauung des Spreebogens entschieden wurde. Nur haarscharf ging das von Axel Schultes und Charlotte Frank geplante „Band des Bundes“ an dem Gebäude der Eidgenossen vorbei. Bis der Neubau, in dem die Kanzlei samt Botschaft untergebracht ist, errichtet werden konnte, bedurfte es einiger Jahre Wartezeit. Schließlich musste unterhalb des Grundstücks noch der Tiergartentunnel gebaut werden. So markieren Botschaft und Residenz heute gewissermaßen den Kreuzungspunkt zwischen architektonisch manifestierter Politikachse und unsichtbarem Verkehrsband. Der eidgenössische Botschafter wohnt im Altbau, einem Palais, das auf Entwürfe von Friedrich Hitzig zurückgeht. Hier genießt er die schönen alten Bäume mit ihren prachtvollen Holzdecken, den farbenfrohen Wänden von Lippenstiftrot bis Senfgelb, edlem Parkett und prunkvollen Leuchtern. Ganz so, wie man sich eine diplomatische Residenz eben vorstellt. Aber etwas ist außergewöhnlich – in welcher anderen Hauptstadt hat ein Botschafter die Möglichkeit, in der einen Richtung in den Ehrenhof des Regierungschefs und in der anderen auf die Baustelle des größten Bahnhofs in Europa zu schauen. Aus diesem Grund werden die Gesellschaften in der Otto-von-Bismarck-Allee 4 sehr häufig auf der Dachterrasse gesichtet. Nicht nur vom Wachschutz des Bundeskanzleramtes.
  Baumann, Kirsten / Meuser, Natascha: Berliner Residenzen – Zu Gast bei den Botschaftern der Welt, Verlagshaus Braun 2002 · Fotos: Philipp Meuser.